Sprachförderprogramm


Der verstärkte Deutschunterricht
In Anbetracht der demografischen und kulturellen Situation im Dortmunder Norden hat die Anne-Frank-Gesamtschule gehandelt und einen verstärkten Deutschunterricht sowie einige Sprachförderprogramme eingeführt, die sich mittlerweile bewährt haben. Sie sollen demnächst durch eine entsprechende Sprachförderung im mathematisch, naturwissenschaftlichen Bereich auch im 7. und 8. Jahrgang ergänzt werden. Man muss sich das so vorstellen, dass aufgrund des hohen Migrantenanteils - meist türkischer Herkunft - ein Lernerfolg nur dann sichergestellt ist, wenn die sprachlichen Defizite dieser Schülerinnen und Schüler gezielt im Unterricht und durch die Unterrichtsorganisation aufgefangen werden. Daraus folgt erstens mehr Unterrichtsstunden im Fach Deutsch und zweitens zusätzliche .Fächer', die das eigentliche Sprachförderprogramm darstellen.
Der verstärkte Deutschunterricht sieht vor, dass die Schülerinnen und Schüler des fünften und sechsten Jahrgangs wöchentlich sechs Unterrichtsstunden im Fach Deutsch erhalten und dass in einer Sprachwerkstatt gemeinsam mit dem Unterrichtsfach Gesellschaftslehre (GL) altersangemessene Themen aus Kultur, Wirtschaft und Politik handlungs- und produktorientiert erarbeiten werden, wobei vor allem auf das Erlernen computergestützter Medien Wert gelegt wird. Weil jedoch diese auf Breitenwirkung angelegten Maßnahmen zwar einen soliden Standard sichern, nicht aber die Schwächen einzelner Schüler oder Schülergruppen hinreichend aufgreifen, haben wir uns entschieden, zusätzlich jeweils mehrere Unterrichtsstunden für sogenannte lese- und rechtschreibschwache Schülerinnen und Schüler einerseits (LRS) und für ausländische Schülerinnen und Schüler andererseits (DaZ) einzuführen. Dabei kommt es dem Lernklima und der individuellen Zuwendung besonders zugute, dass die Lerngruppen auf zwölf Schülerinnen und Schüler begrenzt bleiben.

Ferner arbeiten der Deutschunterricht und die Fächer des Sprachförderprogramms eng mit dem Muttersprachlichen Unterricht (MU) zusammen, um den Schülerinnen und Schülern türkischer Herkunft das Verständnis für die deutsche Sprache im Vergleich zu ihrer türkischen Muttersprache zu erleichtern und zu festigen. Denn die ,Erstsprache' kann durchaus darüber aufklären, warum es im Deutschunterricht mit Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten gibt und wie man sie am besten löst (Unterschiede im Laut- und Schriftsystem, in der Grammatik usw.). Kinder türkischer Herkunft haben z. B. große Schwierigkeiten beim Gebrauch von Präpositionen, da diese in ihrer Muttersprache in Verbindung mit dem Casus als Suffix gebildet werden. Zielsetzungen und Erfahrungen im Einzelnen Der verlängerte Deutschunterricht
o Mithilfe einer binnendifferenzierten Didaktik kann der verlängerte Deutschunterricht auf das bisweilen sehr unterschiedliche Lerntempo der Schülerinnen und des Schüler abgestimmt werden.
o Themen und Fragen, die sich aus dem Unterrichtsgeschehen ergeben, können jetzt häufiger vertieft werden.
o Die Möglichkeit, mehrere Methoden zur Erarbeitung und Anwendung von Sprache einzusetzen, erhöht die Sensibilität für die deutsche Sprache. So lernen Kinder vor allem sich sprachlich vorteilhaft darzustellen, also sich selbst gegenüber einer
Gruppe zu produzieren (Sachthemen referieren und präsentieren, Theater spielen oder einzelne Szenen darstellen).
o Der computergestützte Umgang mit Texten regt nicht nur die eigene Kreativität an, sondern bereitet gleichfalls auf außerschulische Tätigkeiten vor, die voraussetzen, dass man mit bestimmten Computerprogrammen umgehen können muss. Der konkrete Nutzen, den der verlängerte Deutschunterricht erbringt, bereichert demzufolge die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen.
o Nicht nur für unsere ausländische, meist türkische Schülerschaft ist der Zeitgewinn von großem Vorteil, sondern auch für deren deutschen Mitschüler und Mitschülerinnen, weil wir den Begriffserklärungen und der Wortschatzarbeit einen spürbar größeren Stellenwert einräumen können, was konkret heißt, dass entsprechende Methoden behutsam eingeübt werden.
Dazu gehören der richtige und effiziente Umgang mit Lexika, dem Wortkasten und das Erstellen eines Grammatikplakats genauso wie das strukturierte und zielorientierte Unterrichtsgespräch.
Die Sprachwerkstatt
Erfahrungsgemäß zeigen Schülerinnen und Schüler ein motivierteres Lernverhalten,
wenn sie im ,handfesten' Sinne etwas tun können, anstatt stumm auf ihrem Platz sitzen
zu müssen, um nur sprechen zu dürfen, wenn sie an der Reihe sind.
In einer Werkstatt ist dergleichen undenkbar, und so auch in der Sprachwerkstatt des
verstärkten Deutschunterrichts. Dennoch gilt es, sich an Regeln zu halten, so wie der
Tischler sich an die Regeln halten muss, die seinem Tun selbst entspringen, weil der
Zweck der Tätigkeit ein bestimmtes Vorgehen vorgibt.
Die Schülerinnen und Schüler lernen also, erstens zweckmäßig zu denken und zu
handeln und zweitens im Team zu arbeiten, d. h. zu zweit oder zu mehreren oder - wo
es ratsam ist - eben auch allein.
Die Teamarbeit schult die methodische, kommunikative und soziale Kompetenz. Ideen
und Probleme sollen gemeinsam umgesetzt und gelöst werden, weil unsere Kinder und
Jugendlichen lernen müssen, sich möglichst schnell in unterschiedlichen sozialen
Systemen zurechtzufinden und die zusehends größer werdende Informationsflut
methodisch geschickt zu sinnvoller Sachkenntnis zu strukturieren.
Einige Beispiele aus dem Erfahrungsbericht der Sprachwerkstatt sollen darüber
Auskunft geben, wie wir dies täglich umsetzen:
o Märchenkalender erstellen: Ergänzend zu der von den Rahmenrichtlinien für das Fach Deutsch vorgeschriebenen Unterrichtsreihe "Märchen" ist ein Märchenkalender erstellt worden. Jede Arbeitsgruppe muss sich mit einem selbst gewählten Märchen auseinandersetzen, um den Text entsprechend weiter verarbeiten zu können. Die einen haben den von ihnen zusammengefassten Text durch entsprechende Bilder illustriert, die Schlüsselszenen des Märchens darstellen, die anderen haben Standbilder entworfen, fotografiert und als Bildergeschichte mit Textkommentaren zu einem Märchenkalenderblatt verarbeitet.
o Klassenfahrt dokumentieren: Nach einer Klassenfahrt haben Schülerinnen und Schüler ihre Erlebnisse, Eindrücke und rückblickenden Gedanken mit Hilfe von unterschiedlichen Textsorten und collagierten Bildern Ausdruck verliehen und daraus eine Art Klassenzeitung gefertigt.
o Theaterstück schreiben: Auf der Grundlage der Arbeit am Text "Der Planet Müll-Mundus" haben Schülerinnen und Schüler arbeitsteilig ein Theaterstück gemacht: den Text umgeschrieben, die Rollen besetzt und einstudiert, die Requisiten gebaut und das Stück auf die Bühne gebracht.
o Spiele sammeln: Wenn es etwas gibt, was die Kinder dieser Erde verbindet, dann sind es Spiele. Innerhalb der Unterrichtsreihe "Kinder einer Welt" haben Schülerinnen und Schüler Spiele von Kindern aus anderen Ländern gesammelt und zu jedem Spiel eine Anleitung geschrieben sowie Info-Materialien zur Herkunft und Zielgruppe zusammengetragen.

Deutsch als Zweitsprache (DaZ)
Der DaZ-Unterricht dient der Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund im Deutschunterricht. Es geht in erster Linie darum, Texte zu verstehen und Texte zu schreiben. Das Material orientiert sich dabei an den Anforderungen des Regelunterrichts der Sekundarstufe l (s. Lehrpläne und Richtlinien). Der DaZ-Unterricht soll hierbei den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund inhaltliche und methodische Hilfestellungen geben, um jenen Anforderungen besser gerecht zu werden.
Darum steht die Aneignung von Methoden im Vordergrund, die das selbstständige Arbeiten und Lernen fördert und systematisch aufbaut. Die Aneignung von Methoden soll allerdings auch lehren, wie man die eigenen Sprachkenntnisse realistisch einschätzt und wie man den schulischen und außerschulischen Spracherwerb eigenverantwortlich kontrolliert.
Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen dem mündlichen und dem schriftlichen Spracherwerb, wenn das Schreiben in den höheren Klassen als erlernt vorausgesetzt wird. Insofern wollen wir mit Beginn des 5. Jahrgangs vor allem das schriftliche Ausdrucksvermögen fördern. Die eigenwillige Qualität geschriebener Sprache verlangt von uns, dass wir den Schülerinnen und Schülern vielfältige Gelegenheiten geben, um über Übungen eine angemessene schriftsprachliche Kompetenz zu erlangen. Während in der mündlichen Sprache aus der Situation heraus vieles verkürzt gesagt werden kann, gilt das keineswegs für die schriftliche Sprache. Hier müssen die Schülerinnen und Schüler beim Schreiben eine Abstraktion leisten, die erlernt werden will. Die Kinder müssen lernen, dass sie für jemanden schreiben, dass sie im Rahmen eines Themas schreiben, dass sie Regeln der Grammatik und der Orthografie beachten müssen, um verständlich zu bleiben, - und vieles mehr.
Lese- und Rechtschreibhilfe
Für Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten in der Schriftsprache (Rechtschreiben, Grammatik, etc.) und dem sinnerfassenden Lesen haben, werden Förderkurse angeboten, in denen die Schülerinnen und Schüler nicht nur das Regelwerk trainieren, sondern auch Methoden lernen, um ihre Schwächen in diesen Bereichen selbstständig zu bekämpfen. Dadurch erhalten sie das nötige Maß an Selbstsicherheit und Selbstvertrauen.